Pronomen ohne Geschlecht 3.1

Diese Woche ist in dier Queerulant_in Nummer 4 ein Artikel von mir über die Pronomen ohne Geschlecht erschienen. Diesen Text könnt ihr auf der Webseite dies Queerulant_in, in der gedruckten Ausgabe auf Papier oder hier in diesem Blogartikel im folgenden lesen. Außerdem wurde der Artikel am 28.5.2013 auf dem Blog der Mädchenmannschaft querveröffentlicht, dort wird er auch diskutiert.

Die aktuelleste Version der Pronomen ohne Geschlecht gibt es auf der Übersichtsseite.

Queerulant_in Mai 2013 – Jahrgang 2, Ausgabe 1, Nummer 4
Pronomen ohne Geschlecht
Beitrag von AnnaHeger.

Pronomen brauchen nicht zwangsläufig ein Geschlecht. Ich finde es unsinnig bei jeder Erwähnung eines anderen Menschen das Geschlecht anzugeben. Sächliche Pronomen möchte ich für Menschen nicht verwenden. Ich wollte 2009 also selber die Pronomen ohne Geschlecht festlegen, weil ich damals in der deutschen Sprache keine solchen kannte.

Pronomen ohne Geschlecht kenne ich im Englischen schon viele Jahre: ze, gesprochen wie in dem Wort New Zealand, wird anstatt she|he und hir, gesprochen wie in dem Wort here, wird anstatt von her|his verwendet.

Ze hirself calls hir friend. [deutsche Übersetzung: Sie|er ruft ihren|ihre|seine|seinen Freundin|Freund selber an.]

In Schweden gibt es zusätzlich zu „han“ (er) und „hon“ (sie) das genderneutrale Pronomen „hen“ [1]. Das neue Wort wurde schon 2009 in die in die schwedische Nationalenzyklopädie aufgenommen. Letztes Jahr gab es Diskussionen über das Geschlecht der Pronomen nachdem „hen“ in einem Kinderbuch verwendet wurde [2].

Im Deutschen fehlten mir genau solche Pronomen. Also habe ich zusammen mit anderen [3] welche entwickelt. Um den Überblick zu erleichtern, werden im folgenden die Worte ohne Geschlecht fett und die geschlechterspezifischen Worte durchgestrichen dargestellt.

xier – ein Personalpronomen, statt sie|er
dier – ein Artikel und ein Relativpronomen, statt die|der
xies – ein Possessivpronomen, statt ihr|sein

Das x am Wortanfang wird wie für ein x typisch entsprechend der phonetische Lautschrift [ks] [4] ausgesprochen. Die Pronomen xier und dier reimen sich auf das Wort Tier. Xies reimt sich auf das Wort lies. Die phonetische Lautschrift der drei neuen Wörter ist [ksi:ɐ̯], [di:ɐ̯] und [ksi:z].

So einfach wie im Englischen ist es jedoch nicht, da die Pronomen in die deutsche Grammatik mit ihren vier Fällen passen müssen. Es braucht also 4 neue Personalpronomen. Und 4 Artikel, beziehungsweise Relativpronomen. Und noch 16 Possessivpronomen. Das heißt es gibt 24 neue Pronomen, die und deren Verwendung ich mir merken muss. Es ist eine Alternative nur mit xier, dier und xies loszulegen. Grade beim Sprechen kann ich kreativ entscheiden wie ich die Pronomen ohne Geschlecht in die vorhandene grammatikalische Struktur einpasse.

Egal ob ich kreativ mit 3 Pronomen arbeite oder mir den kompletten Satz von 24 Formen einpräge, ich finde die neuen Pronomen lohnen sich, weil ich endlich Dinge sagen kann, die ich vorher nicht ausdrücken konnte. Die Antwort auf die Frage warum folgt in den nächsten Zeilen.

Wozu genau brauche ich die Pronomen ohne Geschlecht?

Grund 1: Ich will sie verwenden wenn das Geschlecht in einem bestimmten Zusammenhang keine Rolle spielt. Ich finde den generischen Maskulin, also die Verwendung der maskulinen Form als der allgemeinen, sexistisch. Wenn ich im Allgemeinen nicht in der Mehrzahl reden möchte, brauche ich eine neutrale Alternative. Geschlechtsspezifische Pronomen machen jedoch im Rahmen von feministischem Aktivismus sehr viel Sinn. Dort geht es ja um Geschlecht. In vielen anderen Zusammenhängen aber eben nicht.

Grund 2: Es gibt Menschen, die sich weder dem weiblichen noch dem männlichen Geschlecht zuordnen wollen oder können. Pronomen ohne Geschlecht können für Menschen abseits der beiden Pole weiblich und männlich zu mehr Sichtbarkeit führen. Wie beim Unterstrich, _, und dem Sternchen, *, in Substantiven [5] habe ich damit einen weiteren Teil Sprache/Grammatik um über Frauen, Männer und alle Anderen im allgemeinen reden zu können.

Als Zukunftsvision sehe ich Pronomen ohne Geschlecht als Standard, der immer verwendet werden kann. Wenn ich mein Gegenüber besser kenne kann ich nachfragen welches nichtneutrale Pronomen xier gern für sich benutzt. Das nimmt den Rechtfertigungsdruck von den Menschen außerhalb der Zweigeschlechtlichkeit.

Die Endungen der Pronomen orientieren sich an den Endungen der Fragewörter, _r|_s|_m|_n. Wenn ich die neuen Wörter im richtigen Fall benutzten möchte, muss ich am Anfang sowieso immer für mich nachfragen: wer|wessen|wem|wen. Die Personalpronomen in der dritten Person sie|ihrer|ihr|sie und
er|seiner|ihm|ihn werden mit xier|xies|xiem|xien ergänzt. Zusätzlich zu bestimmten Artikeln die|der|der|die und der|des|dem|den entstehen so dier|dies|diem|dien.

1.Fall: Wer schreibt? Dier Jona schreibt. Xier schreibt.
2.Fall: Wessen schäme ich mich? Ich schäme mich dies Peters. Ich schäme mich xies.
3.Fall: Wem gehört das? Das gehört diem Sarah. Das gehört xiem.
4.Fall: Wen brauchst du? Du brauchst dien Sascha. Du brauchst xien.

Xier ist ein Personalpronomen, das ich brauche wenn ich über Dritte rede. Dier ist ein Artikel und kann auch als Relativpronomen für Nebensätze benutzt werden. Seit ich in Süddeutschland lebe, benutze ich Artikel vor jedem Namen wenn ich über Menschen rede. Ich mag es, weil es eine Nähe zu der Person ausdrückt und es klingt in meinen Ohren freundlicher. Aber es bedeutet auch dass bei jeder Erwähnung eines Namens noch mal klargestellt wird „Die Susanne ist eine Frau“ oder „Der Peter ist ein Mann!“

Mit dem Possessivpronomen wird Besitz oder Zugehörigkeit ausgedrückt. Für die 3. Person der Possessivpronomen wird der Stamm (erster Teil des Pronomens) nach Geschlecht (Genus) der Besitzenden unterschieden, also ihr_|sein_. An diese Stelle tritt xies_, was wie bei den beiden herkömmlichen Formen an den Genitiv (2.Fall) des Personalpronomens angelehnt ist. Die Endungen sind dieselben, die sonst an ihr_|sein_ angehängt werden, je nachdem ob das was jemand besitzt grammatikalisch feminin, maskulin oder neutral ist. Zum Beispiel:

Xier ruft noch xiese Freundin und xiesen Freund.

Außerdem braucht es noch einen weiteren Satz Endungen für den Fall, dass es sich eben nicht um die Freundin oder den Freund sondern um dier Freund* oder dier Freund_in handelt [5]. Die Endungen bei Subjekten ohne Geschlecht leiten sich auch von den entsprechenden Fragewörtern ab: _er|_es|_em|_en [6].

1.Fall: Xieser Freund*, xiese Freundin, xies Freund und xies Kind schreiben.
2.Fall: Xier schämt sich xieses Freund*, xieser Freundin, xieses Freundes und xieses Kindes.
3.Fall: Das gehört xiesem Freund*, xieser Freundin, xiesem Freund und xiesem Kind.
4.Fall: Xier suche xiesen Freund*, xiese Freundin, xiesen Freund und xies Kind.

Nachdem wir damals unsere Pronomen entwickelt hatten, habe ich noch mal gründlicher nach deutschen Pronomen ohne Geschlecht recherchiert. Der Mädchenblog [7] gibt ein Einführung und Übersicht zu alternativen Pronomen ohne Geschlecht. Eine weitere Alternative habe ich bei Esme Grünwald auf dem Blog, High on Clichés, im Glossar gefunden. Es gibt Überschneidungen mit früheren Versionen der Pronomen ohne Geschlecht, außerdem werden weitere Pronomenarten berücksichtigt [8].

Ich denke nicht das Sprache an sich wertfrei ist. Ich denke auch nicht dass es möglich ist sie wertfrei zu verwenden. Eher ist sie Spiegel der Verhältnisse. Veränderte Verhältnisse brauchen eine neue Sprache. Ich finde es gut zu verändern wo es möglich ist und ganz oft werde ich genau dort verändern wollen wo es nicht mehr auszuhalten ist und wo mir etwas fehlt.

Meine aktuellen Pronomen ohne Geschlecht gibt es auf: https://annaheger.wordpress.com/pronomen/.

[1] Link
[2] „Kivi och Monsterhund“, Jesper Lundqvist, 2012
[3] Den ersten Satz Pronomen habe ich 2009 mit Sarah Hill zusammengestellt. Nach Diskussionen mit Liliane Gross, habe ich 2012 den Anfangsbuchstaben von s auf x geändert. Der Buchstabe selbst hat eine Platzhalterfunktion, die gut zu den Pronomen ohne Geschlecht passt.
[4] Die Aussprache wird in eckigen Klammern mit dem Internationalen Phonetischen Alphabet (IPA) angegeben.
[5] Der Stern ist auch ein Platzhalter und drückt damit Vielfalt aus. Aus Freund|Freundin wird Freund*. Er ist an die Verwendung des * bei Suchmaschinen angelehnt. Beim Unterstrich von Steffen Kitty Herrmann (in “Performing the Gap – Queere Gestalten und geschlechtliche Aneignung” in arranca! Nr.28) steht der Zwischenraum für die Vielfalt neben der maskulinen und femininen Form zum Beispiel bei Freund_in.
[6] Eine Alternative ist die Verwendung eines anderen Vokals in der Endung. Damit wäre diese stärker von den maskulinen Endungen abgegrenzt: ir|is|im|in (Xiesir Freund*), är|äs|äm|än (Xiesär Freund*).
[7] Link
[8] Link zum Glossar, Link zum Artikel

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